Knapp daneben ist auch daneben 2

Knapp daneben ist auch daneben: Ruhrort und sein Hafen

Experten erklären die Welt

Ein (Teil-)Projekt von Theorie und Praxis e.V.

Der „Hafenstadtteil Ruhrort“ liegt inmitten des größten Binnenhafens der Welt und beherbergt die international erfolgreichen Großunternehmen Haniel und duisport (Duisburger Hafen AG). Architektonisch sind die Spuren des Lebens am Hafen und des dabei erwirtschafteten Reichtums hier noch gegenwärtig. Ökonomisch wie städtebaulich scheint Ruhrort jedoch heute von der Hafenentwicklung abgekoppelt: Während der Warenumschlag im Hafen auch 2007 wieder um mehr als 5 % stieg, geht er im Stadtteil augenscheinlich zurück. Auf zugeschütteten Hafenbecken eingerichtete, gigantische Logistikflächen, auf denen zigtausende Container sich stapeln, beschränken inzwischen auch die Sicht vom Stadtteil auf den Hafen. Bildet dieser einen Hauptknoten im Schiffs-, Eisenbahn- und LKW-Verkehr größtenteils containerisierter Güter, so ist jener für Menschen zunehmend schwerer erreichbar. Vom Hafen aus: die Matrosen und Schiffsführer, die früher ihre Wartezeit in Ruhrort verbrachten und ihr Geld in Geschäften, Kneipen und Bordells ließen, gibt es nur mehr in viel geringerer Anzahl und mit viel geringerer Liegezeit, die auch kaum mehr eine des Wartens sondern des schnellen Frachtlöschens und Neubeladens ist; den Rest dieser großteiligen Entkopplung erledigen immer schärfere Sicherheitsbestimmungen, die Landgänge der internationalen Schiffsbesatzungen zunehmend erschweren, teilweise ganz unterbinden. Vom Land aus: Der Bahnhof Ruhrort ist weitgehend abgewickelt; die einzige Zufahrtsstraße kollabiert werktäglich, die Straßenbahn nimmt verschlungene Wege. Ein derzeit diskutiertes Verkehrskonzept sieht die Aufteilung Ruhrorts in drei Zonen vor, voneinander (zumindest für den Autoverkehr) abgeschottet und unterschiedlich gut „von außen“ erreichbar. Die soziale Parzellierung des Stadtteils wäre damit infrastrukturell geronnen.

Die Reihe „Knapp daneben ist auch daneben …“ versucht in Gesprächen mit hier lebenden und/oder arbeitenden Menschen sowie in einer Vortrags-/Seminarreihe auszuloten, welche Folgen das Nebeneinander von (betriebs-)wirtschaftlichen „Booms“ und individueller wie quartiersbezogener „Baisse“ für die gesellschaftliche (Re-)Produktion von Subjektivität(en) hat. Was also „das“ mit „den Menschen“ macht oder auch: Was „das“ für Menschen macht.

Gesprächs- und Vortrags-/Seminarreihe bilden einen wesentlichen Bestandteil des Theoriesegments. GesprächspartnerInnen werden RuhrorterInnen und im Stadtteil Aktive. Als Vortragende werden ebenfalls Menschen aus diesem Personenkreis sowie externe „ExpertInnen“ geladen. Stattfinden sollen etwa 10 Gespräche und 6 Vorträge über Ruhrorter Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebst Diskussionen. Sie folgen der von Gilles Deleuze und Michel Foucault aufgestellten These vom Vorrang eines „Wissen(s) der Betroffenen“ um das, was sie betrifft, gegenüber intellektueller Analyse, ohne auf diese verzichten zu wollen. Diesen Vorrang wollen sie auch den GesprächspartnerInnen vermitteln. Alle Gespräche und Vorträge werden transkribiert und in die anderen Projektsegmente einfließen. So sollen etwa die Texte der im Gesamtprojekt „Zum Beispiel Ruhrort …“ entstehenden Theaterstücke „Our Town. Ruhrort“ und „SeemannsHeim“ vom hier Erfahrenen z.T. überschrieben bzw. mitgeschrieben werden. Eine umfangreiche Dokumentation des Projektes wird diese Transkriptionen, eine geplante Buchpublikation Ausschnitte aus Gesprächen und Vorträgen enthalten.

Informationen zu Theorie und Praxis e.V. finden sich auf der Seite www.tup.kulturserver.de, die ausführlich über das direkte Vorläuferprojekt „Der Stand der Dinge. Bruckhausen“ berichtet sowie im Unterpunkt „Theorie und Praxis e.V.“ über den Ursprung der Gruppe / des Vereins und ihre/seine leitenden Fragestellungen.

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